21. März 2016

Ich, mein Burger und die Anderen! Oder: Warum einem immer erst später eine schlagfertige Antwort einfällt.


Ein schöner Freitag-Abend sollte es werden, wir sechs Mädels – nach Wochen endlich mal wieder einen freien Termin gefunden neben Kindern, Haus, Job, Mann – nur unter uns in einem netten Restaurant. Burger wollten wir essen, denn das geht auch ohne Fast-Food Ambiente mit Gruß aus der Küche und einem Glas Wein hervorragend, zumindest in meinem Lieblingsrestaurant. Man freute sich, kicherte, eine berichtete, dass sie mit dem 2 Kind schwanger sei, die andere vom Jobeinstieg nach 4 Jahren Elternzeit, die nächste berichtete von der Renovierung des kürzlich angeschafften Eigenheimes, die nächste von der ergebnislosen Haussuche und eine andere von den Hochzeitsvorbereitungen. Meine Highlights waren die kürzlich, durch viiiiiel Glück, gefundene neue Wohnung, auf die mein Mann und ich uns schon sehr freuen und meine neue Frisur-raspelkurz. Die vorherigen schulterlangen Zotteln ohne Farbe und dünn wie Spaghetti konnte ich nicht mehr sehen.

Egal, zum eigentlichen Thema: Ich habe eine „Freundin“, die sich in der Vergangenheit über eine flüchtige Bekannte ausgelassen hat, weil Sie sehr dick ist, quasi in Richtung Tess Holiday – die ich im Übrigen vergöttere. Jedenfalls war diese flüchtige Bekannte und deren Affäre wieder einmal Thema und meine „Freundin“ machte sich lustig, weil mit dieser Frau Sex zu haben sei ja oberwiderlich und es schwabbele ja alles und pfui und überhaupt.  Ich sagte, trotz meiner sonst so großen Klappe, nichts! Ich starrte in mein Weinglas, weil ich so verletzt war. Ich muss dazu sagen, ich trage Größe 46. Ich fühlte mich angegriffen, war wütend, aber einfach zu perplex um aufzumucken, deshalb schwieg ich. Ich fand das, was meine sogenannte "Freundin" da minutenlang vom Stapel ließ einfach nur hohl und oberflächlich. Noch dazu kam, dass der besagte Mann in der Affäre mein Ex-Freund war, und darüber diskutiert wurde, dass er ja vielleicht auf korpulente Frauen steht. NA UND?

Endlich Zuhause war ich in Versuchung eine zu rauchen (eigentlich habe ich aufgehört), ich ärgerte mich und dachte so viel über diese Situation nach, dass ich auch mit keinem darüber gesprochen habe. Nicht einmal mit meinem Mann. Am Sonntag ging ich joggen und ließ mir alles noch einmal durch den Kopf gehen, und wurde immer angepisster. Ich wusste, wenn ich das nicht irgendwie rauslasse, explodiere ich.
Ich habe intensiv darüber nachgedacht, warum ich mich angegriffen fühlte. Großartig identifiziert habe ich mich bisher nicht mit der "Bekannten". Klar, ich bin dick, aber mir wurde klar, dass ich da immer für mich differenziert habe in ein bisschen dick, nur dick und sehr dick. In diesem Moment steckte mich meine „Freundin“ ohne Differenzierung einfach mit in die große Schublade „Dick“. Im ersten Moment war es mir nicht klar, aber es störte mich plötzlich die Dicke zu sein. Beim Joggen fiel mir auf, wie dumm und hohl meine eigene Einstellung  eigentlich ist, ein bisschen dick oder sehr dick – das ist doch völlig egal. Ich bin doch nicht besser, nur weil ich 20 kg weniger wiege als die Bekannte und "nur dick" bin, aber noch nicht "sehr dick" .Und warum darf man über „sehr dicke“ ungestraft herziehen, während man sich bei „ein bisschen dick“ noch zurückhält. Sowieso ist es gesellschaftlich offenbar absolut in Ordnung über „Dicke“ herzuziehen, denn Dicke sind ja selber schuld, könnten ja einfach abnehmen, müssen ja nicht so viel fressen, usw. Hä? Ist das nicht paradox? Man sagt doch einem Depressiven auch nicht „sei doch einfach wieder fröhlich“.  Womit ich jetzt nicht sagen möchte, dass Dick=Krank bedeutet, mir geht es hervorragend - vielen anderen sicher auch. Ich würde mich sogar als fitter bezeichnen als manche meiner Freundinnen, von denen schafft keine eine 8km-Lauf. Und hört mir jetzt bloß auf mit "die Knochen und Gelenke"...Bullshit! Wenn man auf die Signale seines Körpers achtet, nimmt man dabei keinen Schaden!
Die Gründe, warum jemand übergewichtig ist, sind so vielfältig wie die Menschen. In den wenigsten Fällen ist es die "Schilddrüsenerkrankung" oder die Geburt eines Kindes. Ich war schon vor der Geburt meines Sohnes dick, aber auch phasenweise schlank . Ich bin überzeugt, dass da sehr viele Faktoren zusammen spielen und sich auf psychischer Ebene eine Menge abspielt, was zum Dicksein führt. Permanente Diäten machen das nicht besser. Würde ich mein Verhalten genauer analysieren, würde ich bestimmt einige Verhaltensmuster und andere Faktoren erkennen, die dazu geführt haben, dass ich heute schwerer bin als je zuvor – meine Schwangerschaft nicht mitgezählt. Aber will ich das? Ich dachte eigentlich immer, dass ich selbstbewusst genug bin um mit jedem Gewicht glücklich zu sein; war doch mein Hochzeitskleid ein figurbetontes saucooles Teil in Größe 44. Und jetzt war ich plötzlich die Dicke. Klar, wenn ich vorm Spiegel stehe und meinen Kleiderschrank durchwühle denke ich auch manchmal „hach wär das toll, in diese Hose wieder rein zu passen“. Aber dann ziehe ich was anderes aus dem Schrank, style mich und fühle mich schön, meistens. Natürlich gibt es doofe Tage, aber meistens find ich mich gut so wie ich bin, und gehe selbstbewusst durchs Leben. Ich habe mich mit mir angefreundet, denn es ist doch scheisse sich wegen seiner Figur ständig selber fertig zu machen. Das machen ja andere schon ganz unverblümt.

Mittlerweile bin ich auf besagte „Freundin“ immer noch wütend und enttäuscht, tröste mich aber damit, dass ihre Meinung hohl und oberflächlich ist und ich mit ihr sowieso kaum noch etwas zu tun habe. Fat Shaming ist scheisse, jedoch sagt das Gesagte dieser Frau mehr über sie aus, als über mich oder andere Dicke. Ich werde sie nicht darauf ansprechen. Ich lege mir einige Sprüche zurecht, die ich ihr bei nächster Gelegenheit (und die wird es sicher geben) um die Ohren haue. Na klar ist es sinnvoller jemanden darauf aufmerksam zu machen und sich wie Erwachsene darüber zu unterhalten, jedoch möchte ich sie genauso unvorbereitet treffen wie sie mich. Danach kann ich ja immer noch mit ihr erwachsen darüber sprechen.

Trotzdem muss ich der "Freundin" auch dankbar sein, denn ich habe lange über mich und mein Selbstbild nachgedacht.  Ich habe viel zu Fat Shaming und Fat Acceptance gelesen und Storys gehört, wo Menschen auf fiese Art und Weise diskriminiert wurden. Ich habe mich intensiv mit einem Thema auseinander gesetzt und bin fassungslos, wie mit übergewichtigen Menschen umgegangen wird, sogar im eigenen Familien- und Freundeskreis. Und vielleicht da noch viel schlimmer, weil  das immer als Freundschaftsdienst oder "ich bin ja nur ehrlich" verkauft wird, wenn man auf dich einredet und sagt, dass man doch nur dein Bestes wolle. Als ob abnehmen so leicht wäre. Schon mal versucht mit dem Rauchen aufzuhören? Meiner Erfahrung nach ist das leichter.

Schlussendlich aber: Jetzt kann ich sagen, ja scheiss doch drauf, ich trage Größe 46.  Und ja, ich gehöre zu den Dicken (ohne Differenzierung). Und jetzt werde ich jedem auf den Sack gehen, der es toll findet über Dicke herzuziehen und diese zu belehren. Mir gehen die aufgedrückten Abnehmtipps und "du könntest schon ein paar Kilo weniger haben" Sprüche schließlich auch auf die Nerven! Freut euch, ihr Aktiven, die ihr euch für Fat Acceptance stark macht, denn ihr habt eine neue Verbündete: Mich!

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