18. Mai 2016

Gestörtes Körpergefühl - Der Teufelskreis aus Zu- und Abnehmen und was ich als Mama bei meinen Kindern anders machen möchte.


Hallihallo Du,
ich selbst bin seit Jahren phasenweise sehr fleißige Blogleserin und schaue gerne was andere modisch so machen und was sie bewegt – für mich umgesetzt hab ich das alles erst viel später.  Den Blog von Katrin von Reizende Rundungen, die im Moment leider nicht mehr aktiv bloggt, habe ich geradezu verschlungen. Sie war und ist meine Heldin. Aber auch Tanja Marfo von Kurvenrausch Hamburg schreibt unter anderem  sehr persönliche und offene Beiträge, die ich „aufsauge“, eben weil ich mich so gut in ihren Beiträgen wiederfinde.


2005 (Größe 42)

Es gefällt mir die Frau hinter dem Text zu sehen, ihre Vergangenheit und nicht nur die tollen Fashion-Fotos. Wie ist sie zu dem geworden, was sie heute ist, was sie ausstrahlt und was will sie anderen sagen?  Deshalb dachte ich mir, dass auch ich einmal meine „Diät-Geschichte“ erzählen sollte.
2007 (Größe 40)

Wo fängt man da an? Kindheit ist gut oder? Ich war eigentlich ein normalgewichtiges Kind – vielleicht phasenweise etwas kräftiger als andere, aber niemals massiv übergewichtig. Ich habe mich sehr gerne bewegt und als Kind der 80er/90er sehr viel draußen gespielt. Meine Erziehung war schon autoritär und geprägt von der Nachkriegsgeneration, denn meine Eltern waren zwar jung, jedoch haben wir mit vier Generationen auf unserem Familien-Bauernhof gelebt, weshalb der Einfluss der Großeltern nun einmal da war – im positiven wie negativen Sinn.
2008 (Größe 38/40)

Keine Sorge, ich werde keine Hasstiraden schreiben, warum meine Eltern Schuld an meinem Übergewicht sind. Jedoch möchte ich aufzeigen, dass man als Eltern Fehler machen kann und seinem Kind, vielleicht unbewusst und in eigentlich guter Absicht, falsche Vorstellungen und ein falsches Körperbild vermitteln kann.



"Schon im Säuglings- oder Kleinkindalter werden die Grundlagen für ein gesundes Essverhalten oder eine Neigung zu Essstörungen gelegt: Nahrung darf nicht als Belohnung oder Bestrafung für das Verhalten eingesetzt werden, sondern die Nahrungsaufnahme muss sich immer nach den tatsächlichen Bedürfnissen eines Kindes richten. Sonst lernt das Kind nicht, die eigenen Bedürfnisse zu deuten und zu entscheiden, wann es etwas zu essen braucht oder wie viel. "



Es folgen ein paar Dinge, die sich mir persönlich ins Gedächtnis gebrannt und mein Gewicht nachhaltig beeinflusst haben:
Bei uns Zuhause war das Credo: AUFESSEN! Ausnahmslos und zwar schnell und ohne Wiederrede! Mein eigenes Hungergefühl  hat keine Rolle gespielt, denn Essen wirft man nicht weg.  Und je schneller ich aufgegessen hatte, desto besser, denn nur wer schnell isst, „schafft auch etwas“ . Sich Zeit fürs Essen  zu nehmen wurde als unnötiger Luxus betrachtet, den kein Mensch braucht. Die Folge ist, dass ich beim Essen wahnsinnig schlinge und IMMER meinen Teller leer esse, weil ich von Kind an gelernt habe mein Sättigungsgefühl komplett zu ignorieren. Ich kannte lange Zeit nur Hunger und mir ist schlecht! Durch das Schlingen setzt das Sättigungsgefühl sehr viel später ein und ich esse mehr. Ich weiß das! Aber den Teufelskreis nachhaltig zu durchbrechen, habe ich nie geschafft , auch wenn ich mich selber oft versuche zu zwingen, die Mahlzeiten zu genießen. Vielleicht sollte ich mir ein Tattoo auf die rechte Hand stechen lassen a’la „Du hast Zeit und hör auf, wenn du satt bist!“ .  Ich arbeite immer noch daran diese Konditionierung los zu werden - nicht weil ich abnehmen will, sondern weil mir das Schlingen nicht gut tut.

Hier ein paar Zitate aus meiner Kindheit, die andere sicher auch schon oft gehört haben:

„Iss auf, sonst scheint morgen die Sonne nicht!“
„Wie man isst, so arbeitet man!“
 „Mach deinen Teller blank, ich kann das nicht sehen!“
 "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt" 
"Iss den letzten Rest auch noch auf " 
„Du bleibst solange hier sitzen, bis du das aufgegessen hast“ 

Ich erinnere mich an einen Sommertag, an dem ich von 12 Uhr bis nachmittags um 15 Uhr in der Küche saß, weil ich nicht aufessen wollte.
Ich appelliere daher an alle Mamas: Lasst den Scheiss! Damit verursacht ihr im schlimmsten Fall Essstörungen und schafft nur ein Problem, wo keines sein muss. Ich bin nun selber Mama und mein Sohn hat beim Essen alle Zeit der Welt und niemals, niemals, niemals werde ich ihn zwingen aufzuessen. Ich erkläre sogar Betreuungspersonen (Tagesmutter oder Babysitter), dass ich ihnen den Kopf abreißen werde, wenn ich mitkriege, dass sie meinem Kind so einen Mist aufzwingen wollen (verzeiht die deutlichen Worte, aber in dieser Hinsicht bin ich sehr emotional). Lasst doch euren Kindern die Möglichkeit auf ihr eigenes Hunger- und Sättigungsgefühl zu hören und auch danach zu essen.
2011 (Größe 44/46)
Ein zweiter großer Punkt ist meine Mama, bzw. ihre Einstellung zu ihrem Körper. Meine Mama war auf Dauerdiät, hat phasenweise gehungert, sich auch mal einige Zeit nur von Naturjoghurt, Hefewürfeln und Mineralwasser ernährt (ernsthaft, das ist kein Witz), dann logischerweise wieder zugenommen und war -platt gesagt- wie der Mond - einmal zunehmend, einmal abnehmend. Sport spielte aber nie eine Rolle in ihrem Leben. Sie hat auf mich nie den Eindruck gemacht, dass sie sich wohl in ihrer Haut fühlt, sie hat immer nur mit ihrem Körper gekämpft. Mein Papa war mit Kritik in dieser Hinsicht auch nicht gerade „zimperlig“.
2012 (Größe 44)

Ich habe mit sechs oder sieben Jahren angefangen, mich mit meinem Gewicht auseinander zu setzen, da mich meine Mama aufgrund meiner „Minimalpummeligkeit“  ins Visier genommen hatte. Ehrlich, mein Gewicht als Kind war nie auch nur im Ansatz besorgniserregend, wenn ich Kinderbilder sehe, versuche ich immer zu erkennen, was mit mir nicht ok gewesen sein soll.
"Eltern haben dabei große Vorbildfunktion und sollten ihren Kindern Lebensfreude vermitteln und in ihrer Selbstfindung, Selbstachtung und Selbständigkeit stärken sowie Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten fördern. Es ist wichtig ein gesundes Essverhalten vorzuleben und im Umgang mit dem eigenen Körper zu vermitteln, dass dieser schön, liebenswert und vor allem wertvoll ist."

Liebe Muttis, Papis und andere Verwandte, wenn ihr einem Kind – bestimmt in bester Absicht - das Gefühl vermittelt „Du und dein Körper sind nicht ok so wie sie sind“ - dann schämt euch! Ihr bewahrt ein Kind NICHT vor späterem Übergewicht, weil ihr es mit der Nase immer und immer wieder auf ein Problem stoßt, dass evtl. auftreten könnte! Ein positives und gesundes Körpergefühl zu vermitteln und das Selbstbewusstsein stärken, erreicht man NICHT über ständige Kritik.
2012 (Größe 42/44)

In jedem Fall führte dies alles dazu, dass ich in der 12. Klasse so um die 85 kg wog, Konfektionsgröße 44 trug und mega-unsicher war.  Irgendwann verliebte ich mich und dachte, dass ich bei dem Kerl nur eine Chance habe, wenn ich abnehme. Also habe ich mich fettarm ernährt, Kalorien gezählt  -teilweise sehr exzessiv-  und Sport getrieben, woraufhin ich knapp 20 kg abnahm.  Man lobte mich wie verrückt und die "Jungs" (Kerle um die 20 eben) wurden aufmerksam, ich fühlte mich geschmeichelt, aber ernsthaft: Glücklich war ich nicht. Ich hatte Kreislaufprobleme, musste penibel aufpassen was ich esse und wenn ich mich selbst im Spiegel betrachtete, sah ich mich immer noch in meiner schwereren Version. Außerdem war es den Leuten ziemlich egal, dass ich recht ungesund abgenommen und meinen Körper mit Füßen getreten habe - nur das Ergebnis zählt. Wenn ich heute Bilder von damals sehe, bin ich etwas sprachlos "Das war ich?". In meinem Kopf kam das schlanke Körperbild nie an. Trotz Größe 38 habe ich mich selten getraut einen Bikini zu tragen. Außerdem hatte ich ständig an mir selbst etwas auszusetzen und war regelrecht fies zu mir, wenn ich auch nur ein Kilo zunahm.  Mit dem Kerl war ich übrigens nur kurz zusammen.

Mein Körper weigerte sich regelrecht das Gewicht, dass ich ihm aufgezwungen hatte zu akzeptieren, also nahm ich bei normaler Ernährung, trotz sportlicher Betätigung, wieder zu - was sicher auch an meinem geschrotteten Stoffwechsel lag.  Ab diesem Zeitpunkt ging es mit dem Gewicht immer auf und ab, ich habe von Größe 38 bis 46 alles im Kleiderschrank.


2013 (Größe 44)
Dann kam ich mit meinem heutigen Ehemann - meinem absoluten Traummann -  zusammen und wurde schwanger, plötzlich war alles anders. Ich hatte plötzlich Verantwortung für die Gesundheit meines Kindes und versuchte auf meinen Körper zu hören. Ich aß ausgewogen und gesund, trank viel Wasser und Schorle, bewegte mich moderat und zählte nicht eine Kalorie. Gewicht war für die Ärzte ein Thema, aber nicht für mich. Ich fühlte mich in meinem ganzen Leben nie wieder so wohl in meinem Körper, obwohl man als schwangere Plussize-Lady auch oft Zielscheibe für andere ist .  Meinen Baby-Bauch trug ich jedoch voller Stolz und  betonte diesen wo es nur ging. Ich startete mit Größe 44/46 in die Schwangerschaft und habe diese Größe heute immer noch - mein Sohn wird bald zwei Jahre alt.  Erst mit der Schwangerschaft und der Geburt meines Sohnes setzte ich mich noch intensiver mit gesunder Ernährung auseinander und mit mir selbst als Vorbildfunktion. Ich glaube dies hat einen großen Anteil daran, dass ich versucht habe auch nach der Schwangerschaft dieses Gefühl des "im Reinen mit seinem Körper sein" zurück zu bekommen.
2014 (6 Wochen vor der Geburt meines Sohnes)

Tja, und nun stecke ich mittendrin im Prozess des "Sich-selbst-Lieben-Lernen" . Selbstbewusst und Lebensbejahend habe ich schon immer auf andere gewirkt, jedoch war diese Ausstrahlung teilweise Selbstschutz und ist in mir drin nie so richtig angekommen. Erst in den letzten 2 Jahren habe ich mir selbst die Fragen gestellt: Was willst du deinem Kind vermitteln? Welche Werte sind dir wichtig? Welche Einstellung soll dein Sohn zu sich selbst haben? Wie willst du mit dir selbst umgehen? Bist du glücklicher, wenn du abnimmst? Da ist mir so einiges klar geworden und wird es immer noch!

Und: Ich habe mich von Menschen verabschiedet, deren Einstellung oder Weltbild nicht mehr zu mir passen. Oberflächlichkeit und ein verqueres Idealbild -> dagegen möchte ich im Privaten nicht gegen an diskutieren.  Über Freundinnen, die merkwürdige "Diäten" machen, kann ich nur den Kopf schütteln.  Oft möchte ich die Mädels an den Schultern packen und anbrüllen: "Bist du wahnsinnig? Weißt du was du deinem Körper mit Hungern, 1000-Kalorien-am-Tag, Low-Carb oder sonst einem Scheiß antust!?!" Ich versuche für mich einen Weg zu einer gesunden,alltagstauglichen Lebensweise zu finden. Einerseits über Ernährung, andererseits über Bewegung. Abnehmen ist mir völlig egal, wenn es als Nebeneffekt auftritt ok, aber es ist nicht das Ziel . Ich habe keine Lust mehr auf Jojo-Effekte, Selbsthass und Druck nur um anderen zu gefallen. Ich will für meine Familie und mich gesund bleiben und mich selbst annehmen, damit ich meinem Kind kein vermurxtes, krankhaftes Körper-Idealbild vermittele und er eine gesunde Einstellung zu Ernährung, Bewegung und damit letztendlich zu sich selbst, bekommt. Viel vorgenommen? Sicher! Aber ich möchte nicht die Fehler wiederholen, die mein Leben unnötig verkompliziert haben.


"Ein gutes Körpergefühl und gesundes Selbstbewusstsein sind die beste Prävention gegen Essstörungen. "


In diesem Sinn: Seid gut zu euch und bedenkt, dass sich Kinder auch die Einstellung der Eltern - von euch - abschauen. Sei ein Vorbild und vermittele deinem Kind Selbstbewusstsein und ein gesundes Körpergefühl! Ich weiß, wie es läuft, wenn Eltern sich darüber keine Gedanken machen.

Jessi




Quelle Zitate: https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/essstoerungen/entstehung-und-vorbeugung/

Kommentare:

  1. Wow, sehr interessanter Text in dem ich mich ganz oft wiederfinde :) Würde ihn gerne bei gelegenheit teilen, wenn das ok ist :)

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    1. Hallo Elli,
      vielen lieben Dank für Feedback.
      Klar darfst du den Text teilen,ich fühle mich total geehrt :-)
      Ganz lieben Gruß,
      Jessi

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